Warum abstrakte Kunst unser Gehirn anders stimuliert
9. Juli 2026

Die größte Lüge über Kreativität

Nicht Talent zeichnet kreative Menschen. Sondern der Mut anzufangen.

Fast jeder Mensch sagt irgendwann im Leben denselben Satz: 'Ich kann nicht malen.'

Ich höre diesen Satz seit Jahren. Wenn jemand meine Bilder betrachtet, sagt er oft „du hast Talent, ich kann das nicht“. Dabei glaube ich, dass Kreativität und intuitive Malerei gar nichts mit Talent zu tun haben.

Die meisten Menschen sagen in Wirklichkeit: "Ich habe Angst, etwas falsch zu machen."

Genau dort beginnt meine Geschichte und die Geschichte von Hans und Zuza. Lass euch von ihrer Geschichte inspirieren.

Hans-Georg Franke „Der Leuchtturm“, Acryl auf Papier, Buxtehude 2023

Warum viele Menschen glauben, dass sie nicht malen können

Kreativität ist etwas, was in jedem von uns steckt. Als Kinder haben wir Häuser aus Stühlen und Decken gebaut. Als Kinder malten wir auch gerne, unseren Eltern gefiel alles, was wir machten. Unsere Ideen waren lustig, kreativ und manchmal sogar gefährlich, da wir als Kinder die Folgen nicht gut einschätzen konnten.

In der Schule waren plötzlich andere Sachen wichtiger als Kreativität: Ordnung, Planung, Performance, Noten. Wir waren ständigen Bewertungen ausgesetzt, nicht immer positiver Natur. Die Kritik wurde zu unserem Antreiber. Dabei passiert im Gehirn etwas Seltsames: wir folgen lieber dem, was man von uns erwartet, als sich in neue, unbekannte Gewässer zu begeben. Im Gehirn bilden sich Reaktionswege auf das Erforderliche und das Bekannte. Wer Kreativität selten nutzt, trainiert sie auch weniger. Wie andere Fähigkeiten kann sie mit der Zeit in den Hintergrund treten – sie verschwindet jedoch nicht.

Hans

Während der Pandemie habe ich sehr viel gemalt. Menschliche Kontakte waren damals eingeschränkt. Die Nachbarschaft war in dieser Zeit der einzige direkte Kontakt zu Menschen.  Hans, mein damals 76-jähriger Nachbar wurde zu meinem engsten Freund. Er war sofort von meinem Wesen und von meiner Kunst begeistert. Er räumte das Zimmer seiner verstorbenen Frau aus und richtete für mich ein Atelier aus.

Ich mochte Hans auf Anhieb, sein Humor und freundliches Wesen haben mich mit ungeheurer Energie gefüllt. Ich habe im Home-Office gearbeitet und morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause und abends nach dem Feierabend verbrachte ich meine freie Zeit mit Hans und mit dem Malen. Seine Frau hat wunderschöne Maritime Bilder gemalt. Hans war Ingenieur und sagte, er könnte das nicht, er wäre dafür nicht geeignet.

Mit der Zeit habe ich ihn überredet, mit mir zusammen mit den Farben und Formen zu experimentieren. Damit musste er nicht nur zuschauen, wie ich male, sondern konnte aktiv seine eigenen Ideen umsetzen. Intuitive Malerei hat ihm aber große Probleme bereitet. Er war voller Ängste und alles, was zufällig entstand und schön war, konnte er nicht mehr anfassen. Er hatte Angst, das entstandene Bild zu zerstören.

Ich konnte ihm nicht helfen, die Freiheit des Malens auszuleben. Seine Ängste waren viel zu stark. Aber dann haben wir plötzlich zusammen etwas entdeckt. Es war ein anderer Weg. Hans interessierte sich für Schiffe und Segelboote und wir beschlossen, dass er keine abstrakten Bilder malen wird, sondern das Meer und die Schiffe. Das, was er so sehr liebte. Diese Idee hat sofort Früchte getragen. Hans war in seiner Welt. Das machte ihm Spaß.

Er fand im Internet viele abstrakte Kunstwerke mit Segelbooten und fing an, diese zu kopieren. Ich erzählte ihm, wie er Pinselstriche setzen muss, um die gewünschten Formen zu erzeugen und wie er die Farben besser mischen und auf der Malfläche bewegen kann. Während ich Hans begleitete, entstanden gleichzeitig viele meiner eigenen Bilder. Ich war seine Lehrerin, er war meine Muse.

Nach und nach malte Hans wunderschöne Boote und verschenkte sie an seine liebsten Freunde und Familie. Wir haben sogar zusammen an einem Kunstwettbewerb im Timmendorfer Strand teilgenommen.

Hans-Georg Franke "Segelboote", Acryl auf Papier, Buxtehude 2024

Am Ende ging es nur um den Weg, die Gedanken und Ängste auszuschalten, sich zu entspannen, etwas Neues zu lernen (sehr wichtig in jedem Alter!) und auch, einfach die Zeit sinnvoll zu verbringen. Dabei hat Hans seine eigene Kreativität entdeckt. Seine Frau wäre sicher stolz auf ihn und seine Kunstwerke. Und ich zeige sie euch sehr gerne, da sie mich persönlich berühren und die Erinnerung an Hans lebendig halten.

Hans-Georg Franke "Regatta", Acryl auf Leinwand 30 x 40 cm, Buxtehude 2023

Zuza

Zuza ist meine 13-jährige Großnichte, die zusammen mit ihrer Familie in unserem Familienhaus in Polen wohnt. Auch, wenn uns 750 km trennen, sehen wir uns regelmäßig.

Vor ungefähr zwei Jahren zeigte Zuza mir ihr Kunstwerk, welches sie in der Schule gemalt hatte. Das Bild zeigte dicke schwarze Äste mit Dornen, etwas Grünes und ein paar abstrakte Blumen und war insgesamt eher abstrakt als naturtreu gemalt. Zuza sagte, dass sie in der Schule für dieses Bild nur eine genügende Note bekam. Mir fiel aber sofort auf, dass die Pinselstriche mit ungeheurer Energie geladen waren. Es war ein purer, unverfälschter Ausdruck eines Kindes, das dieses Bild intuitiv als Ventil nutzte. Ich war begeistert. Solche Freiheit des Ausdrucks habe ich bei Hans nie gesehen. Zuza trug eine natürliche Freiheit in sich, die sie unbewusst auf das Papier übertrug.

Ich fragte Zuza, ob sie das nächste Mal, wenn ich zu Besuch komme mit mir malen möchte. Sie war sofort begeistert, musste sich aber zwei Monate gedulden, bis ich wieder nach Polen kam. Ich habe es nicht geplant, aber auch dieses geduldige Warten auf meine Rückkehr war ein Teil von Zuzas Entwicklung zu einem selbstbewussten und klugen Teenager.

Am Tag unseren Malexperiments haben wir zwei Tische im Garten aufgebaut. Ich wollte Zuza die Folientechnik mit Acrylfarben zeigen, da die Muster, die dabei entstehen, ihrem ersten Bild mit den schwarzen Ästen ähneln. Das Wetter hat nicht mitgespielt und unsere Malblätter mit der Folie darauf wurden durch den Wind hin und her gerissen. Die hinterlassenen Spuren waren kaum sichtbar und es war alles andere als das, was ich mir vorgestellt hatte. Aber genauso ist die intuitive Malerei: nimm das, was entstanden ist und male es weiter. Das haben wir getan. Ich hatte Zuza nur den Impuls gegeben, den Anfang gezeigt und gesagt, sie solle keine Angst haben etwas zu übermalen. Sie solle einfach das malen, was ihr in den Sinn kommt. Bis spät abends saß sie noch an dem Bild, bis sie es als beendet erklärte. Es war bunt, frei, voller Energie und Zuversicht. Ich fuhr nach Hause und ließ Zuza mit ein paar Tipps, Acrylfarben und Malblocks zurück.

Zuzanna, Abstrakt, Acryl auf Papier, Bydgoszcz 2025

Bei meinem nächsten Besuch wurde ich überrascht. Meine Nichte berichtete stolz, dass Zuza im Kunstunterricht einen raketenhaften Sprung von „genügend“ zu „sehr gut“ machte. Als ich davon erfuhr, musste ich lächeln. Nicht wegen der Schulnote. Sondern weil ich wusste, was wirklich passiert war: Zuza hatte den Mut gefunden, ihrer eigenen Kreativität zu vertrauen. Sie hat verstanden, dass sie sich in der Kunst austoben kann und je freier sie malen kann, desto freier und selbstbewusster wird sie im Leben. Sie hat auch etwas Wichtiges verstanden: Kunst ist kein Auswendiglernen. Es ist eine Tür zur inneren Freiheit.

Was Hans und Zuza verbindet

Hans und Zuza trennten fast 70 Jahre Lebenserfahrung. Während Hans seine Ängste und unbewusste Denkmuster sehr lange „pflegte“ und sie damit festigen konnte, war die damals 11-jährige Zuza voll von kindlicher Neugier, Neues zu entdecken.

Beide hatten unterschiedliche Voraussetzungen, aber beide durften experimentieren und über die eigenen oder fremdgesteuerten Grenzen hinausgehen. Beide wussten, dass sie nichts perfekt machen müssen, scheitern war ausdrücklich erlaubt. Die einzige Voraussetzung war aber: weitermachen!  Am Ende wurden beide mit Freude am Schaffen, Begeisterung des Publikums und mit neuen Perspektiven belohnt.

Kann jeder malen lernen?

Die Antwort ist für mich eindeutig: Ja.

Talent kann den Einstieg erleichtern, aber es ist keine Voraussetzung. Was wirklich zählt, sind Neugier, Übung, Geduld und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Natürlich helfen Kenntnisse über Farben, Komposition oder Perspektive dabei, bewusster zu gestalten. Sie geben Sicherheit und erweitern die gestalterischen Möglichkeiten.

Bei der intuitiven Malerei ist dieses Wissen jedoch keine Voraussetzung. Hier verlassen wir uns zunächst auf unser Gefühl für Farben, Formen und Strukturen. Es geht nicht darum, ein perfektes Bild zu malen oder anderen zu gefallen. Es geht darum, den Malprozess zu erleben – den Kopf für eine Weile auszuschalten und wieder mit der Offenheit eines Kindes zu experimentieren.

Statt zu überlegen, wie ein Bild aussehen soll, frage ich mich eher: Was passiert, wenn ich die Farbe mit einer Grillbürste verwische? Wenn ich Alkohol auf die noch feuchte Farbe sprühe? Wenn ich Farbe mit einem Küchentuch wieder abnehme oder Sprayfarbe direkt auf die nasse Leinwand auftrage? Jede dieser Entscheidungen eröffnet neue Möglichkeiten. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Stell dir eine Leinwand wie einen Spielplatz vor. Dort darfst du ausprobieren, experimentieren und auch scheitern – denn genau daraus entstehen oft die spannendsten Bilder. Wenn du nicht weißt, wie du anfangen kannst, begleite mich auf meinem YouTube-Kanal. Dort zeige ich Schritt für Schritt, wie intuitive Malerei entsteht und wie viel Freude es macht, einfach loszulegen.

Bei der intuitiven Malerei gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nur den nächsten Pinselstrich.

Was passiert im Gehirn, wenn wir kreativ sind?

Wenn wir etwas Neues ausprobieren, entstehen neue neuronale Verbindungen im Gehirn. Diesen Prozess nennt man Neuroplastizität. Die Neuronen suchen nach neuen Verbindungen, wenn es keinen Reaktionsweg kennt. Je öfter wir experimentieren, desto stärker werden diese Verbindungen und das kreative Denken fällt uns leichter. Vielleicht ist Malen deshalb viel mehr als nur Farben auf einer Leinwand.

Genau deshalb interessiert mich Neuroplastizität so sehr. Sie erklärt, warum wir unser Gehirn ein Leben lang weiterentwickeln können – und warum Kreativität dabei eine viel größere Rolle spielt, als viele vermuten.

Kreativität hat mit Talent nichts zu tun

Hans ist inzwischen nicht mehr da. Seine Segelboote stehen mir aber noch immer vor Augen. Sie erinnern mich daran, dass Kreativität nichts mit Talent zu tun hat. Sie beginnt in dem Moment, in dem wir uns erlauben, etwas auszuprobieren.

Vielleicht steckt genau darin die wichtigste Erkenntnis meiner letzten Jahre. Nicht jeder wird Künstler. Aber jeder Mensch trägt Kreativität in sich. Manchmal braucht es nur jemanden, der sagt: "Probiere es einfach."

Wenn du glaubst, dass du nicht malen kannst, dann möchte ich dich zu einem kleinen Experiment einladen.

Nimm ein Blatt Papier, ein paar Farben und vergiss für einen Moment alles, was du über Kunst gelernt hast. Male nichts Bestimmtes. Spiele. Experimentiere. Beobachte einfach, was entsteht. Vielleicht erschaffst du kein Meisterwerk. Aber vielleicht entdeckst du etwas viel Wertvolleres:

Vielleicht war deine Kreativität nie verschwunden. Vielleicht hat sie nur darauf gewartet, dass du ihr wieder Raum gibst.

Herzlichst

Magda Benz

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