Warum abstrakte Kunst unser Gehirn anders stimuliert
14. Juni 2026

Be Water – Was ein Satz von Bruce Lee mich über Veränderung gelehrt hat

Vor sechs Tagen begann ich ein neues Bild zu malen. Ich ließ alle Gedanken los und experimentierte mit verschiedenen Techniken sowie den Farben Grau, Blau und Weiß.

Die intuitiv entstandenen Formen veränderten sich während des gesamten Prozesses immer wieder. Mit jeder spontanen Entscheidung änderte sich die Komposition. Aus ursprünglich eher floralen Strukturen wurde etwas Lebendiges, etwas in Bewegung.

Obwohl das Bild noch nicht fertig war, stand der Titel für mich bereits fest:

Be Water

Inspiriert wurde ich von einem Satz von Bruce Lee: „Empty your mind. Be formless, shapeless, like water.“

Dieser kurze Satz begleitet mich schon lange. Er ist zu meinem Lebensmotto geworden.

Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich seine Bedeutung. Fließendes Wasser bleibt frisch. Es passt sich Hindernissen an, sucht neue Wege und bleibt dennoch immer es selbst. Stehendes Wasser wird trüb. Auch wir müssen uns weiterentwickeln, um innerlich lebendig zu bleiben.

Fließ weiter. Bleib nicht stehen. Lerne aus allem und von jedem.

Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel für persönliches Wachstum.

Warum mich dieser Satz so anspricht – mein persönlicher Weg des fließenden Wassers

Als ich diese Weisheit vor vielen Jahren zum ersten Mal hörte, war ich kurz sprachlos. Ein Gedanke traf mich wie ein Blitz:

"Ja, genau. Bruce Lee sagt das, was ich schon seit Ewigkeiten spüre und intuitiv weiß."

Mein eigener Weg der Transformation dauerte viele Jahre. Von einem angepassten Mädchen in einem sozialistischen Staat entwickelte ich mich zu einer selbstbewussten Frau, die Karriere im Bankenumfeld machte, und schließlich zu einer Künstlerin, die sich heute durch ihre Kunst frei ausdrücken kann.

Ein wichtiger Meilenstein war unsere Flucht aus Polen im Jahr 1986. Ich war damals 21 Jahre alt, im achten Monat schwanger und gemeinsam mit meinem Ehemann auf dem Weg in ein neues Leben. Wir hatten kaum mehr als zwei Rucksäcke und 400 DM in der Tasche. Der Neustart in Deutschland begann.

Rückblickend waren wir damals bereits wie Wasser. Während mein Mann arbeitete und unsere bald vierköpfige Familie ernährte, studierte ich, arbeitete stundenweise, erzog die Kinder und führte den Haushalt. Das Leben trug uns und unsere Energie, wie Wasser ein Schiff trägt. Wir integrierten uns nicht nur in die neue Gesellschaft, sondern entwickelten uns auch selbst ständig weiter.

Nach fünfzehn gemeinsamen Jahren führte uns diese Entwicklung jedoch in unterschiedliche Richtungen. Mein Mann fuhr als frisch gebackener Kapitän zur See, und ich ging meinen eigenen Weg. Unsere Welten passten plötzlich nicht mehr zusammen.

Es folgte ein Rosenkrieg, der uns viel Kraft und Gesundheit kostete. Trotzdem lernte ich in dieser Zeit etwas Wichtiges: Ich musste weiterschwimmen. Aufgeben war keine Option.

Später traf ich einen Mann, der mein Leben erneut grundlegend veränderte. Was als große Liebe begann, und in einer Hochzeit gipfelte, zerbrach bereits fünf Monate später. Damals konnte ich nicht verstehen, wie sich ein Mensch scheinbar über Nacht vom Traumprinzen in einen kalten Fremden verwandeln konnte.

Je mehr ich mich informierte, desto klarer wurde das Bild. Nach und nach setzte sich das Puzzle zusammen. Und ich wusste: Ich musste gehen. Schnell, aber ohne großes Drama. In dieser Zeit hatte ich mein Lebensmotto vergessen. Ich stand nicht mehr im Fluss. Ich stand im Sumpf und kämpfte ums Überleben.

Dann starb meine Mutter plötzlich und ohne jede Vorwarnung. Sie war meine wichtigste emotionale Stütze. Ihr Tod verwandelte die Pfütze, in der ich feststeckte, in ein tiefes Loch. Trotzdem fand ich die Kraft, eine Wohnung zu suchen, auszuziehen und mich scheiden zu lassen.

Bis heute weiß ich nicht, woher diese Energie kam. Ich fühlte mich wie ein Duracell-Häschen mit leerer Batterie. Und dann passierte etwas Wunderbares.

Ich war zwar schwach und krank, hatte aber plötzlich etwas, das mir zuvor gefehlt hatte: Zeit. Viele Stunden verbrachte ich allein in meiner fast leeren Wohnung vor dem Computer. Eines Tages stieß ich auf ein Video über Acrylpouring. Dann auf das nächste. Und auf das nächste. Ich hatte keinen Plan. Ich wollte einfach ausprobieren, was ich sah. So fand ich die Malerei.

Ich tauchte in Farben und Strukturen ein, experimentierte mit Konsistenzen und lernte ständig neue Techniken. Die Malerei faszinierte mich so sehr, dass ich jede freie Minute damit verbrachte.

Und noch etwas geschah: Ich bemerkte eine Veränderung in mir. Es ging mir nicht sofort gut. Aber es wurde langsam besser. Ich malte weiter. Nicht, um bestimmte Bilder zu erschaffen. Sondern um zu experimentieren, zu lernen und Neues zu entdecken.

Langsam spürte ich, wie ich wieder in Bewegung kam. Wie ich mit dem Strom der Farben in eine neue Richtung schwamm.

Heute sind sieben Jahre vergangen. Sieben Jahre voller Farben, Experimente und Entwicklung. Meine Bilder haben sich verändert. Und ich mich mit ihnen. Deshalb möchte ich anderen Menschen zeigen, dass Kreativität weit mehr sein kann als ein Hobby. Dass Farben, Neugier und Experimentierfreude uns verändern können.

Was Wasser und Neuroplastizität gemeinsam haben

Ein Leben ohne Wasser ist nicht möglich. Wir selbst bestehen zu einem großen Teil aus Wasser. Und auch in meinem Malprozess spielt es eine wichtige Rolle.

Hast du schon einmal beobachtet, wie kleine Regentropfen auf einer Windschutzscheibe zusammenfließen und größere Tropfen bilden? Oder wie sich mehrere kleine Pfützen zu einer großen verbinden?

Beim intuitiven Malen mit verdünnten Acrylfarben passiert etwas Ähnliches. Ich bringe Wasser und Farbe auf die Leinwand und lasse beides seinen eigenen Weg finden. Die Farben verbinden sich, reagieren miteinander und erzeugen etwas Neues, das nicht geplant werden kann. Manchmal wirkt Wasser dabei fast lebendig. Es sucht Verbindungen. Es findet neue Wege.

Und genau das macht auch unser Gehirn. Die Fähigkeit unseres Gehirns, sich ständig anzupassen und neue Verbindungen zu schaffen, nennen wir Neuroplastizität. Jede neue Erfahrung kann neue neuronale Verknüpfungen entstehen lassen. Mit der Zeit werden daraus ganze Netzwerke. Je stärker diese Netzwerke werden, desto leichter können wir lernen, Entscheidungen treffen und Probleme lösen.

Wasser findet neue Wege.

Das Gehirn ebenfalls.

Heute sehe ich in diesem Bild nicht nur Wasser. Ich sehe Veränderung. Ich sehe Bewegung. Ich sehe die Fähigkeit, trotz Hindernissen weiterzufließen. Vielleicht gefällt mir deshalb der Satz von Bruce Lee so gut: „Be water, my friend.“

Denn manchmal müssen wir nicht stärker werden.

Manchmal genügt es, beweglich zu bleiben.

Von Magda Benz

Weiterführende Inspiration

Der Titel Be Water wurde durch die Philosophie von Bruce Lee inspiriert. Wer mehr über die Entstehung und Bedeutung seines berühmten Zitats erfahren möchte, findet hier eine ausführliche Erklärung sowie historische Videoaufnahmen von Bruce Lee: Be water, my friend! – Bruce Lee Zitat

Zurück

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Bei der Übermittlung Ihrer Nachricht ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Sicherheitsüberprüfung

Ungültiger Captcha-Code. Versuchen Sie es erneut.

©Magda Benz Arts. Alle Rechte vorbehalten.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.